BarFly Cocktailbar

Nippes – Ende des 19. Jahrhunderts lebte in New York eine junge Frau, deren Eskapaden die Titelseiten der Boulevardblätter füllten. Sie zog sich extravagant an, rauchte Zigaretten durch eine Spitze und ihr Handgelenk zierte ein Tattoo in Schlangenform – damals einfach skandalös. Weil ihr Vater ein vermögender Geschäftsmann war, war sie an jenem Abend der Wahlniederlage des US-Demokraten Samuel Jones Tilden zugegen. Den Anblick des geknickten Politikers konnte sie kaum ertragen und zitierte den Barkeeper zu sich. „Mixen Sie ihm etwas Aufmunterndes“, soll sie gesagt haben. Die Geburtsstunde des Manhattans – ob Wahrheit oder Mythos, so will es jedenfalls die Legende. Sie besagt auch, dass der Name der glamourösen Amerikanerin Jennie Jerome war – die Mutter von Winston Churchill.

„Ein guter Barkeeper kennt die Entstehungsgeschichten der Cocktails“, sagt Hans Langnickel. Der 63-Jährige sieht sich selbst als „Käpt’n Blaubär hinter der Theke“. Er weiß, wie Bob Dylan seinen Mint Julep am liebsten trinkt und welchen Drink Jack Lemmon und Marylin Monroe in „Manche mögen’s heiß“ auf der Zugfahrt nach Florida in der Wärmflasche mixten. Zusammen mit Tochter Anne führt er die „Bar Fly“ auf der Kempener Straße. Vor zehn Jahren haben sie die Cocktailbar aufgemacht. Sie managt den Laden, er ist für das „Flüssige und Konzeptionelle“ zuständig. Nippes hatten sie hierfür schon lange im Auge. Die Leute, die hier wohnen, gehen gerne aus.

Gemütlich und entspannt

Gemütlich muss eine gute Cocktailbar sein. Und entspannt. „Ich mag keine steifen Bars“, sagt Langnickel. Vom Studenten über den Messebesucher bis hin zum Manager – im Laufe der Woche kommt in der „Bar Fly“ jeder mal vorbei. 80 Prozent der Cocktailfans sind Stammgäste. „Wir sind eine Stadtteilbar“, so Langnickel.

Es gelten die goldenen Regeln: Diskretion und Zurückhaltung. Heißt für die Herren hinter der Theke: „No politics, no religion, sport’s enough.“ In der Barkeeper-Szene spricht man Englisch. Langnickels Sinn für Tradition spiegelt sich auch in der Musik wider, die im Lokal zu hören ist: Jazz, Chansons und Klassiker wie Sinatra. Gedämpft, man will sich schließlich noch unterhalten können. „Bar, Einrichtung, Musik – es ist alles ein bisschen old-fashioned“, sagt Langnickel. Dies mache den Charme aus.

150 Cocktails auf der Karte

Der Ursprung seiner Leidenschaft für Cocktails liegt in der Literatur. Schon als Teenager habe er viel gelesen, am liebsten Werke von Hemingway und Fitzgerald. Whisky Sour war sein erster Cocktail. Neben Daiquiri und Gimlet bis heute sein Lieblingsdrink.

150 Cocktails stehen in der „Bar Fly“ auf der Karte. Oft genug muss Langnickel seinen Gästen die Wahl abnehmen. „Mixen Sie mir einen“, lautet dann die Ansage. Und Langnickel mixt, nur selten täuscht er sich beim Geschmack seiner Gäste.

Cocktails, Snacks und gute Geschichten

Sein unerschöpfliches Repertoire an Barkeeper-Garn kommt auch bei den regelmäßig stattfindenden Tastings zum Einsatz. Wer sich beispielsweise für den Probierabend „Große Hollywood- und Oscar-Cocktails“ entscheidet, bekommt nicht nur den White Russian aus „The Big Lebowski“ serviert, sondern entsprechende Filmszenen gezeigt. „Ich lese auch immer die erste Seite aus «Vom Winde verweht» von Margaret Mitchell vor. Ein Wahnsinns-Buch.“

Neben den Cocktails aus aller Welt stehen exquisite Snacks auf der Karte. Grissini mit Pesto, Bündnerfleisch oder Tête de Moine. Und natürlich, ganz klassisch, Zigarren.

Steckbrief

Die Cocktailbar „Bar Fly“, Kempener Straße 68, ist von montags bis sonntags ab 20 Uhr geöffnet. Feste Schließzeiten gibt es nicht, unter der Woche ist meist bis ein oder zwei Uhr morgens geöffnet, freitags und samstags schon mal bis vier oder fünf Uhr. Serviert wird Reissdorf-Kölsch.

Reservierungen sind unter der Rufnummer 0173/8683894 möglich. Parkmöglichkeiten finden die Gäste auf dem Mittelstreifen der Kempener Straße. Anreise mit der KVB: Haltestelle Florastraße (Linie 12 oder 15) oder Haltestelle Geldernstraße\Parkgürtel (Linie 13). (gm)

 

Erschienen in Kölner Stadt-Anzeiger, 20.10.2011

Von Gesa Mayr